Dunjas Gegner ohne Chance

Judo ist eine sanfte Sportart. Die freilich zum lautstarken Spektakel geraten kann, wenn Anfeuerungsrufe und Beifallsbekundungen aufbranden. Wie jetzt in der Sporthalle der Waldschule Schwanewede, als rund 90 Jungen und Mädchen um die Fahrkarten nach Berlin kämpften. Dort werden im September die Finals im Schülerwettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“ ausgetragen.
„Maximale Wirkung bei einem Minimum an Aufwand“ lautet das Prinzip der japanischen Kampfsportart Judo. Die hat hierzulande einen hohen Stellenwert, wie auch die zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen bei den Olympischen Spielen 2012 in London für deutsche Judoka unterstreichen.
Olympischer Spitzensport wird in der Halle der Waldschule nicht gezeigt. Dazu sind die Teilnehmer im Alter von zwölf bis 15 Jahren noch zu jung. Und dennoch weilt eine Goldmedaillengewinnerin unter ihnen: Dunja Esders, 14 Jahre alt, hat bei den Spezial Olympics für Menschen mit geistiger Behinderung im Mai in Düsseldorf ganz oben auf dem Treppchen gestanden. Auf der heimischen Matte tritt sie an diesem Donnerstag gleich dreimal zu Einlagekämpfen außerhalb der Wertung an – und gewinnt sie alle drei souverän.


Auch Detlef Zeidler-Bretschneider zeigt sich von den Leistungen der behinderten Judoka aus Schwanewede, Osterholz-Scharmbeck und Hannover angetan. Er ist bei der Niedersächsischen Landesschulbehörde zuständig für den Schulsport und hofft, dass Judo die inklusive Pädagogik unterstützen kann.
An der Waldschule hat man damit schon seit Jahren gute Erfahrungen gemacht. Das ist vor allem Marion Kramber zu verdanken, Judotrainerin des TV Schwanewede und personifizierte Werbeträgerin für eine Sportart, die nach ihrer Ansicht wie kaum eine andere auch geistig behinderten Menschen Lebensglück empfinden lässt. „Sie ist die beste Trainerin der Welt“, sagt Dunja Esders mit schnörkelloser Offenheit, bevor sie wieder auf die Matte geht und ihre Gegnerin zur Aufgabe zwingt.
Judo ist für seine Verfechter nicht nur eine Leibesertüchtigung, sondern auch eine Philosophie zur Persönlichkeitsentwicklung. Das beginnt zu Anfang eines jeden Wettbewerbs mit höflichen Verneigungen gegenüber dem Gegner. Und mit den gleichen Respektbekundungen wird er beendet. Judo, so heißt es, solle zum gegenseitigen Helfen und Verstehen, aber auch zum bestmöglichen Einsatz von Körper und Geist verhelfen. 
In der Schwaneweder Sporthalle wird gut vier Stunden lang nach dem besten Griff und effektivsten Wurf gesucht. In knöchellangen Hosen und halblangen weißen Jacken aus Baumwolle, zusammen gehalten durch farbige Gürtel. Jede Mannschaft stellt fünf Kämpfer. Und während bei den Matadoren auf der Matte der Schweiß rinnt, steigert sich der Lärm der Anfeuerungsrufe kontinuierlich.
Immer wieder muss Holger Scheele zum Mikrofon greifen, um sich bei den Kampfrichtern verständlich zu machen. Der Mann aus Oyten ist Landestrainer für den niedersächsischen Judo-Nachwuchs und an diesem Donnerstag verantwortlich für den organisatorischen Ablauf des Landeswettbewerbs „Jugend trainiert für Olympia“. Sein Urteil, nachdem drei Viertel der Ausscheidungswettkämpfe in der Schwaneweder Halle stattgefunden haben: „Guter Breitensport.“ Von Spitzensport will er nicht reden, der sei eher in den Leistungszentren der Vereine zu finden. 
Voll des Lobes ist Scheele für seine Kollegin Marion Kramber, die sich seit langem für die Kooperation von Schule und Verein engagiert. Die ist auch sichtlich stolz, als ihre Schützlinge von der Kooperierten Gesamtschule Schwanewede als Sieger des Behinderten-Projektes geehrt werden. 
Die Schwaneweder Mädchen und Jungen mit Dunja Esders an der Spitze zeigten sich den Judoka von der Schule am Klosterplatz in Osterholz-Scharmbeck sowie von der Heinrich-Ernst-Stötzner-Schule aus Hannover deutlich überlegen. Einen Technikpokal für den besten Wurf des Turniers, mit dem sie ihre Gegnerin auf die Matte zwang, konnte zudem die zwölfjährige Schwanewederin Katharina Lühmann entgegennehmen. 
Die Fahrkarte nach Berlin zum Bundesfinale von „Jugend trainiert für Olympia“ aber haben die KGS-Judoka nicht lösen können. Die Landessieger kommen aus Hildesheim: von der Molitoris-Schule-Harsum (Jungen) und dem Gymnasium Himmelsthür (Mädchen). Die Waldschule belegte die Plätze fünf (Jungen) und drei (Mädchen).

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