Schüler hören gebannt zu

VON PETER OTTO
Schwanewede. Freundschaft und Verantwortung bestimmen den Tenor eines anrührenden Buches, das Michael Jentsch gemeinsam mit Benjamin Kwato Zahn geschrieben hat. Es handelt von einer Kindheit in Liberia und begründet Jentschs heutiges Engagement für die Menschen in dem Land an der westafrikanischen Küste. Der Titel des Buches: „Blutsbrüder – Unsere Freundschaft in Liberia“.

Am Donnerstagvormittag stellte Jentsch dieses Buch den Schülern des neunten und zehnten Jahrgangs in der Waldschule Schwanewede vor. Dabei vermied er es aber, eine Autoren-Lesung zu zelebrieren. Er erzählte einfach. Und seine Erzählung packte und fesselte die etwa 100 Schüler – Jentsch, inzwischen Lehrer für Sport und Englisch, beherrscht die Jugendsprache.

Nach einem über zehnjährigen Bürgerkrieg grassiert heute Ebola im Land und rafft Tausende Menschen dahin. „Liberia, dort bin ich aufgewachsen, und dort herrscht das große Sterben. Und ich habe mich gefragt: Wie kann ich meiner Heimat helfen? Ich meine, ganz einfach indem ich euch darüber berichte“, erklärt Jentsch. Liberia hat eine besondere Geschichte. Als in den Südstaaten Amerikas die Sklaven in die Freiheit entlassen wurden, siedelte sie Präsident Monroe sicherheitshalber in einem afrikanischen Landstrich an, der damals noch den USA gehörte. Die befreiten Sklaven nannten ihr Land „Liberia“ und die Hauptstadt Monrovia.

Dorthin zog Jentschs Familie 1983, als Michael acht Jahre war. „Es war das Paradies. Palmen, Wasser, Strand, 28 Grad!“ 1985 lernte er seinen Freund Ben beim Angeln kennen. Der stammte als Ghio aus Nimba, einem dichten Dschungel im Norden. „Ich dachte, wir würden ewig im Paradies bleiben!“ Die Freunde schlossen in Anlehnung an Karl May „Blutsbrüderschaft“. Doch dann erschien Charles Taylor auf der Bildfläche, ein „ausgemachter Bösewicht“, verkommen bis ins Mark. Der machte aus Kindern Soldaten, aus Unschuldigen Mörder, aus Menschen gebrochene Existenzen. Er zwang sie, ihre eigenen Eltern zu erschießen. Danach mutierten sie zu Monstern. Als diese Mörderhorde näher rückte, flohen die Weißen. Da flehte Ben seinen Freund an: „Rette mich! Nimm mich mit auf die Flucht!“ Doch Michael begriff nicht den Ernst der Lage und ließ seinen Freund im Stich. Während Liberia im Chaos versank, kehrte Michaels Familie nach Deutschland zurück. „Ich hatte meinen besten Freund verraten.“

Das Gewissen ließ Michael keine Ruhe. Der Film „Tränen der Sonne“ rüttelte ihn auf. Darin kümmert sich eine Nonne um das Leben anderer, ohne auf das eigene zu achten. „Und ich?“ fragte Jentsch sich. „Was ist mit meinen Freunden?“ Er machte sich auf die scheinbar aussichtslose Suche nach Ben. Und er hatte das unverschämte Glück, ihn zu finden. Nach 14 Jahren lagen sich die beiden wieder in den Armen.

Der Pulverdampf des Bürgerkriegs war kaum verraucht, als sich eine neue Plage einstellte: Ebola. Überträger des tödlichen Virus seien Fledermäuse, erzählt der Autor, die in dieser Region gejagt und gegessen werden. Außerdem Gorillas, Schimpansen und Stachelschweine. Alles Tiere, die die Liberianer gerne verspeisen. Das Gesundheitssystem des Landes sei heillos überfordert. So könne man den Menschen dort nur durch Spenden und Medikamente helfen. Dafür setzt sich Michael Jentsch ein, indem er beispielsweise bei Sportveranstaltungen sammelt.

Elea Elsner fand den Bericht schockierend. „Mir sind beinahe die Tränen gekommen.“ Und Lore Lange meinte: „Wir müssen auf jeden Fall etwas dafür tun. Spenden sammeln!“

Die Norddeutsche, 10.10.14

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