Auf den Spuren von Elio Materassi

VON KLAUS GRUNEWALD
Farge-Rekum. Mit einer Internet-Telefonkonferenz zwischen Farge-Rekum und der toskanischen Kleinstadt Pontassieve ist ein internationales Geschichtsprojekt gestartet worden. Schüler aus Bremen und Schwanewede wollen den Leidensweg italienischer Kriegsgefangener am Beispiel von Elio Materassi nachzeichnen.

Es dauert eine Weile, bis der Kontakt via Bildschirm hergestellt ist. Orlando Materassi und seine beiden Söhne Yuri und Nicola erscheinen auf der Leinwand im Tagungsraum des Denkorts Bunker Valentin und winken in die Kamera. Rund 1000 Kilometer Entfernung liegen zwischen Rekum und Pontassieve, doch nun scheinen die drei Männer aus der Provinz Florenz mit am Konferenztisch zu sitzen. Um die Fragen der 13 bis 18 Jahre alten Schülerinnen und Schüler zu beantworten.

Sie kommen von der Waldschule Schwanewede, vom Schulzentrum Lerchenstraße sowie von den Oberschulen Kurt-Schumacher-Allee und Wilhelm Focke. Eine Gruppe von 13 jungen Menschen, die zusammen mit dem Denkort Bunker Valentin und den Heimatfreunden Neuenkirchen ein außerschulisches Projekt entwickeln wollen. Ziel ist es, die Öffentlichkeit für bislang wenig beachtete Opfer des nationalsozialistischen Terrors zu sensibilisieren: für die sogenannten italienischen Militärinternierten.

Nachdem Italien im September 1943 das Bündnis mit Hitler-Deutschland aufgekündigt hatte, gerieten rund 800 000 italienische Soldaten in deutsche Gefangenschaft. Sie landeten in Arbeitslagern. Der 21-jährige Elio Materassi aus der Toskana gehörte zu den 10 000 Arbeitssklaven, die beim Bau des Bunkers Valentin schuften mussten. An sieben Tagen in der Woche bis zu zwölf Stunden täglich. In seiner Schlafbaracke am Heidkamp in Schwanewede stopfte sich Elio nachts zum Schutz vor Wanzen Sägespäne in die Ohren. Er durfte einmal täglich eine Wassersuppe schlürfen und wurde von Aufsehern willkürlich mit der Eisenstange traktiert. Als das „Tausendjährige Reich“ unter Schutt und Trümmern lag, wog Elio Materassi noch 35 Kilo. Aber er lebte, kehrte in seine Heimat zurück und wollte Deutschland nie wieder sehen.

Auf Spurensuche

Im Gegensatz zu seinem Sohn Orlanda und seinen Enkeln Yuri und Nicola, die er mit seinen Tagebuchaufzeichnungen neugierig gemacht hat. Vor drei Jahren besuchten sie die Nazi-Stätten des Grauens: den monströsen Betonriesen „Valentin“ und die Gedenkstätte „Baracke Wilhelmine“. Hier befand sich damals das Gefangenenlager, von dem aus der Militärinternierte Elio Materassi mit der Nummer 41912 gut 20 Monate lang den Ort seiner Leiden aufsuchen musste. 2011 ist der Florentiner gestorben.

Sohn und Enkel aber begaben sich mit Hilfe seiner Tagebuchaufzeichnungen auf Spurensuche in Deutschland. Sie folgten Elio Materassis Stationen und knüpften dabei Kontakte. „Früher“, erklärt Nicola, „haben wir Angst vor Deutschland gehabt. Heute empfinden wir keine Feindschaft mehr.“

Die Schülerinnen und Schüler stellen Fragen, Orlando, Yuri und Nicola Materassi antworten ausführlich und freundlich. Schwerstarbeit muss dabei Christel Trouvé verrichten, die als Dolmetscherin fungiert. Sie ist wissenschaftliche Leiterin des Denkorts in Rekum und berät die jugendlichen Forscher, die von Adrienne Körner und Jens Genehr betreut werden.

„In Ricordo“ (aus Erinnerung) lautet der Titel des Projekts. Angelehnt an die gleichnamige Fotoausstellung des Hobbyfotografen Yuri Materassi über den Leidensweg seines Großvaters, die vor gut einem Jahr im Schwaneweder Rathaus eröffnet wurde. Die Nachfahren von Elio reagieren denn auch mit großem Hallo, als sich Harald Grote von den Heimatfreunden Neuenkirchen vor die Kameralinse setzt und Grüße von Bürgermeister Harald Stehnken übermittelt. Die Spurensuche der Materassis habe Vorbehalte und Vorurteile abgebaut, sagt Grote.

Die 13 Schüler werden an ihren schulfreien Wochenenden an dem Projekt „In Ricordo“ arbeiten. Von Juli bis September sind öffentliche Präsentationen der schriftlichen Arbeiten und Bilder in Bremen und Schwanewede geplant, später auch im Ausland. Im Sommer wird die Familie Materassi zur Vorbesichtigung eingeladen.

Die Norddeutsche vom 16.12.14  --> als pdf-File