Viel Ahnung von Steuern und Geldanlage

Vier Waldschüler haben für sich und ihre Mitschüler einen Ratgeber über Steuern, Versicherungen und andere wichtigen Dinge im Leben geschrieben.

VON GABRIELA KELLER
Schwanewede. „Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen“, schrieb die Kölner Schülerin Naina auf Twitter – und löste damit eine Diskussion aus, was Schüler im Unterricht lernen sollten. Julia Lamk, Laura Otten, Anneke Siegmar und Julien Wolff sind auch fast oder schon 18 und haben jede Menge Ahnung von Steuern, Versicherungen und Geldanlage. Nicht nur das: Die vier Waldschüler aus Schwanewede geben ihr Wissen sogar an ihre Mitschüler weiter.

Die Zwölftklässler haben im Rahmen eines Seminarfach-Projektes eine Broschüre erstellt. Auf 55 Seiten haben sie Wissenswertes zu Themen wie Bewerbung, Einschreibung an der Universität, BaföG, Steuern und Steuerklärung, Bankgeschäfte und Versicherungen zusammengetragen. An ihrer Schule ist das Heftchen schon jetzt der Renner. 200 druckfrische Exemplare haben sie in den elften Klassen verteilt und können schon nachdrucken. „Aus den zwölften Klassen haben wir Nachfragen bekommen. Und der Gymnasialleiter hat angefragt, ob wir für die künftigen elften Klassen weitere Hefte drucken können“, erzählt Julia Lamk.

Der unerwartet große Erfolg hat die vier Oberstufen-Schüler zwar überrascht. Ganz unerwartet kommt er für sie aber nicht. Dass es mit der Broschüre auf Interesse stoßen würden, wusste das Quartett, als es sich im Oktober vergangenen Jahres ans Werk machte. Zunächst einmal, um eigene Wissenslücken zu füllen und sich auf das Leben nach der Schule vorzubereiten. „Wir wussten eigentlich nicht viel über Versicherungen oder Steuern“, sagt Julia. „In Gesprächen mit unseren Mitschülern stellten wir dann fest: Wir sind nicht einzigen Doofen, das ist auch für die ein Thema“ ergänzt Anneke.

Das Grobgerüst des künftigen Ratgebers stand schnell fest. Aufgaben wurden verteilt. „Jeder hat sich auf ein Gebiet spezialisiert und sich Ansprechpartner in seinem Umfeld gesucht.“ Stück für Stück arbeiteten sich die Schüler vor. Befragten Familienangehörige, die sich beruflich mit dem einen und anderen Thema auskannten, recherchierten in Büchern und im Internet. „Es war schwierig, wir mussten ja bei null anfangen“, meint Anneke, die sich über Steuerfragen schlau machte. Noch eine Herausforderung stellte sich für die Schüler. „Wir wollten keinen dicken Schinken schreiben, sondern einen Überblick geben. Dazu mussten wir entscheiden, was für Schüler wichtig ist und Informationen entsprechend filtern“, ergänzt Laura, die sich mit den Themen Bewerbung und Studium beschäftigte.

Was den Schülern half: „Während unseres Projektes bekamen wir von den Schülern Rückmeldungen, was sie interessiert.“ Versicherungsexperte Julien ging systematisch vor: „Ich habe mir erstmal einen Überblick verschafft, welche Versicherungen es gibt. Dann habe ich geguckt: Was ist Pflicht, was braucht man nicht unbedingt?“

Eine der größten Herausforderungen sei gewesen, das gesammelte Wissen nicht in Fachchinesisch, sondern leicht verständlich zu Papier zu bringen, erzählt Bankfachfrau Julia.

Unter dem Titel „Ready Steady Go“ liegt ihr Heft jetzt vor, als Hilfe für einen gelungenen Start in die Zukunft. War es nicht langweilig, sich mit Fragen wie BaföG-Voraussetzungen, Lohnsteuerklassen, vermögenswirksamen Leistungen und Krankenversicherung zu beschäftigen? Überhaupt nicht, meint Laura. „Man lernt das ja nicht für eine gute Zensur im Zeugnis, sondern für die Bewältigung des eigenen Lebens.“ Das habe motiviert. „Die Bewerbungstipps konnte ich gleich ganz praktisch nutzen.“ Auch Bankexpertin Julia hat ihr frisch erworbenes Wissen schon gewinnbringend anwenden können. „Ich habe Geld, das ich zu meinem 18. Geburtstag geschenkt bekam, in einem Bausparvertrag und auf einem Tagesgeld-Konto angelegt.“

Was halten die Waldschüler von Nainas Kritik, die Schule bereite Schüler nicht auf das Alltagsleben vor? „Grundsätzlich kann ich die Kritik verstehen. Dass man über Steuern oder Versicherungen in der Schule nichts lernt, ist nicht gut“, meint Julia. Anneke sieht das genauso. „Solches Wissen ist wichtiger als eine Funktionsgleichung lösen zu können.“ Zum Pflichtfach sollten die Themen aber nicht werden. „Wir haben in der Oberstufe schon genug Unterrichtsstunden. Besser wären Projekttage für Interessierte“, findet Laura.

Der Vorschlag von Naina-Kritikern, dass sich Schüler in ihrer Freizeit selbst das nötige Alltagswissen aneignen sollten, geht nach Ansicht der Waldschüler an der Wirklichkeit vorbei. Als Gruppe und im Rahmen des Seminarfachs hätten sie sich umfassend informieren können. „Für einen einzelnen Schüler privat ist das jedoch nicht machbar.“

Der Artikel vom 24.1.2015 in der Norddeutschen im pdf-Format