Klassenfahrten-Boykott an der Waldschule

In den frühen 1980er-Jahren fuhr fast jeder Schwaneweder Waldschüler in die Jugendherberge nach Steens in der Rhön. Spätere Klassenfahrten führten sie nach Berlin, London oder Barcelona. Wegen des anhaltenden Boykotts der Lehrkräfte an niedersächsischen Gymnasien könnte es mit den unvergesslichen Mehrtagesausflügen aber auch in der Waldschule bald vorbei sein.

VON ALEXANDER BÖSCH
Schwanewede. „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen”, hieß es schon bei Matthias Claudius. Das gilt insbesondere für Klassenfahrten. Das gemeinsame Erlebnis fördert die Selbstständigkeit und Solidarität unter den Schülern. Außerdem gilt eine Klassenfahrt als pädagogisch wertvolles Erlebnis, an das man sich weit über die Schulzeit hinaus erinnert. Selbst Kinder, die im Schulalltag gemobbt werden, werden auf Klassenfahrten oft integriert. Seit Sommer vergangenen Jahres sieht es an niedersächsischen Gymnasien für die beliebten Fahrten düster aus.

Im Streit um die gestiegene Arbeitszeit der Lehrer von 23,5 auf 24,5 Wochenstunden haben sich auch die Lehrer der Waldschule für einen Boykott von Klassenfahrten entschieden. Gerade platzte ein geplanter Friedensgipfel zwischen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und dem Philologenverband.

„Uns sind leider die Hände gebunden. Anders können wir unserem Protest gegen die Erhöhung der Wochenstundenzahl nicht Ausdruck verleihen”, sagt Ulrike Ritter, Vorsitzende des Personalrats der Waldschule. Die rot-grüne Landesregierung unter Kultusministerin Frauke Heiligenstadt hatte die Erhöhung der Pflichtstunden ab 2014 beschlossen und überdies eine Arbeitszeitverkürzung für ältere Lehrer zurückgenommen. Dennoch hatte es wegen des Boykotts unter den Lehrkräften durchaus gemischte Gefühle gegeben. Wird der Konflikt auf dem Rücken der Schüler ausgetragen?

Im Rahmen einer ersten schriftlichen Befragung an der Waldschule im vergangenen Herbst sprach man sich zunächst mehrheitlich für einen unbefristeten Boykott aus. „Weil viele Lehrer an der Befragung nicht teilgenommen hatten und Klassenfahrten auch für viele Lehrkräfte einen wichtigen Teil des Schullebens darstellen, haben wir das Thema während einer Personalversammlung im Dezember erörtert”, erzählt Ulrike Ritter. Das Ergebnis ist ein befristeter Boykott der Klassenfahrten bis zum Sommer 2016.

Im Herbst 2015 wollen die Waldschullehrer zu einer erneuten Abstimmung zusammenkommen. Falls man sich entscheide, künftig doch wieder Klassenfahrten durchzuführen, müsse schließlich ein gewisser zeitlicher Vorlauf für die Buchungen der Reisen gewährleistet sein.

Weil Klassenfahrten für Lehrer eine freiwillige Leistung darstellen und diese bis vor einem Jahr weitgehend von ihnen finanziert werden mussten, ist es in Niedersachsen jedem Lehrer selbst überlassen, ob er Fahrten anbietet oder sie verweigert. Die Personalversammlungen dienen lediglich der Erstellung eines Meinungsbildes und sind nicht bindend. Die Alternative, andere außerschulische Aktivitäten einzuschränken, stelle laut Ulrike Ritter keine Option dar. „Wir hätten theoretisch auch zeitaufwendige Projekte wie den Klimatag, den Run-for-help-Lauf oder den Osterbasar wegfallen lassen können. Das sind aber karitative Projekte, von denen beispielsweise auch Schulen in Afghanistan profitieren”, erklärt Ritter. Ihre eigenen Klassenfahrten führten die Biologie- und Geschichtslehrerin zuletzt nach Mecklenburg-Vorpommern und die Nähe von Osnabrück. Bislang seien jedoch alle geplanten Klassenfahrten durchgeführt und sogar einige weitere geplant worden.

Mitte Januar protestierten Tausende von Schülern in Hannover. Während sich an der Waldschule kein nennenswerter Protest formierte, brachte Helge Feußahrens, Vorsitzender des Landsschülerrates, den Unmut vieler Schüler auf den Punkt. „Da werden unzählige Schüler um ihre schönsten Schulerlebnisse gebracht. Sie können nichts für die Situation und müssen darunter leiden”, bedauerte Feußahrens.

Erst seit einem Jahr werden den Lehrern die persönlichen Kosten für Klassenfahrten weitgehend erstattet. „Ich persönlich führe diese Fahrten sehr gern durch. Ich hätte mir aber gewünscht, dass die Schüler und Eltern sich etwas mehr hinter uns stellen”, sagt Ulrike Ritter und denkt daran, dass sie ihren Unmut gegenüber der Landesregierung kundtun sollten. Wegen der Vor- und Nachbereitung der von der Landesregierung verordneten zusätzlichen Unterrichtsstunde hätten viele Kollegen eine wöchentliche Mehrbelastung von letztendlich fünf Stunden: Ritter: „Das würde sich kein anderer Berufszweig gefallen lassen!”

Um die Entrüstung der Pädagogen zu verstehen, muss man ein wenig zurückblicken. Bereits 1998 wurden an niedersächsischen Schulen sogenannte Arbeitszeitkonten eingeführt. Wegen vorübergehend steigender Schülerzahlen wurden Lehrkräfte bis zu zehn Jahre lang zu zusätzlichen Unterrichtsstunden verpflichtet. Zunächst zu einer, dann zu zwei Stunden. Nach der sogenannten Ansparphase auf dem Arbeitszeitkonto werden die „Überstunden“ den Lehrkräften seit zwei Jahren wieder gutgeschrieben. „Wir hatten die Befürchtung, dass die Arbeitszeiten wieder hochgeschraubt werden – und genau so ist es gekommen”, erinnert sich der in der vergangenen Woche pensionierte Gymnasialleiter Peter Werner.

Neben der Erhöhung der wöchentlichen Unterrichtszeit auf 24,5 Stunden ärgert sich nicht nur Werner über die zudem gekürzte Altersermäßigung. Seiner Meinung nach ist die Landesregierung wortbrüchig. Ursprünglich sollten Lehrer über 55 Jahre eine Stunde pro Woche weniger arbeiten, über 60-Jährige sogar zwei Stunden weniger. Inzwischen wurde diese Regelung aufgehoben. Über 55-jährigen Lehrkräften steht die freie Stunde nicht mehr zu, und über 60-Jährige bekommen nur noch eine Stunde Ermäßigung.

„Von der früheren CDU-Landesregierung wurde uns zugesagt, dass diese Kürzung der Altersermäßigung zurückgenommen wird. Die Zusage ist aber von der jetzigen rot-grünen Regierung kassiert worden”, erläutert der langjährige Schulleiter Dettmer Fischer, der gemeinsam mit Werner in der vergangenen Woche in den Ruhestand ging. „Eigentlich sind wir doppelt benachteiligt”, wirbt Peter Werner um Verständnis für den Boykott der Lehrer an Gymnasien.

Ein Trostpflaster für reisefreudige Schüler dürfte zumindest der Fortbestand diverser anderweitiger Fahrten sein. So führen Klassen übergreifende Sprachprojekte Siebt- bis Neuntklässler der Waldschule seit Jahren nach Frankreich, Spanien und England. Dort kommen sie bei Gastfamilien oder in kirchlichen Einrichtungen unter. Auch auf Betriebspraktika im Ausland, Fahrten nach Holland, Schottland oder Schweden im Rahmen des EU-geförderten Comenius-Programms oder auf Reisen nach Norwegen anlässlich eines Austauschprojekts müssen die Waldschüler künftig nicht verzichten.

Artikel „Die Norddeutsche“ vom 10.2.2015 als pdf-File