„Ich weine nicht, aber ich bin sehr niedergeschlagen.“

Julia Kanchana Schlichting

VON IRIS MESSERSCHMIDT
Schwanewede.„Ich empfinde ihn in erster Linie als Künstler. In diesem Sinn darf Günter Grass meiner Meinung nach viel mehr sagen, als ihm als politischer Mensch zugestanden wurde.“ Julia Kanchana Schlichting sitzt am Tisch in der Waldschule Schwanewede und wirft einen nachdenklichen Blick auf die ausgedruckten zwei DIN-A4-Blätter. „Statt eines Nachrufes“ hat sie ihre Gedanken genannt, die sie an die Lehrerkollegen verteilt. Auch auf der Homepage der Waldschule sind ihre Ausführungen zu lesen.

Ganz im Sinn des von ihr so sehr geschätzten „streitbaren Gesellschaftskritikers“ präsentiert sie Auszüge von Günter Grass aus „Der lernende Lehrer“. Julia Kanchana Schlichting ist aber nicht nur Lehrerin für Deutsch und Politik. Die Literaturwissenschaftlerin promoviert über Günter Grass, hat ihn mehrfach persönlich getroffen und weiß: „Er war so herzlich und viel zurückgenommener, als viele von ihm wissen.“

Dabei stand der Autor Günter Grass am Anfang gar nicht auf ihrer Liste. „Fünfmal habe ich angefangen, die Blechtrommel zu lesen. Fünfmal habe ich das Buch wieder zur Seite gelegt. Mir fehlte der Zugang.“ Der ergab sich erst sehr viel später, nämlich 2002, als Günter Grass sein Buch „Im Krebsgang“ veröffentlichte und in Osnabrück besprach. „Ich wollte unbedingt dahin, meine Eltern haben mir den Wunsch erfüllt.“ Die erste Begegnung der heute 34-Jährigen mit dem Autor, der ihren weiteren Weg bestimmen sollte.

„Damals war ich gerade mitten im Studium und sehr traurig, dass das Buch schon erschienen war. Da dachte ich noch, wäre das Buch später erschienen, hätte ich über Günter Grass promovieren können. Jetzt werden das wahrscheinlich viele andere machen. Zu dem Zeitpunkt war mir gar nicht bewusst, dass sich viele erst auf einen Autor stürzen, wenn er gestorben ist.“ Während sie das erzählt, verändert sich Julia Kanchana Schlichtings Gesichtsausdruck, weicht die lächelnde Aufgeschlossenheit einer traurigen Nachdenklichkeit. „Ich kann meine derzeitigen Gefühle gar nicht richtig in Worte fassen. Nein, ich weine nicht , aber ich bin sehr niedergeschlagen. Es ist wie das besagte tiefe Loch, in das ich gefallen bin. Es fehlt etwas“, gesteht sie freimütig ihre Empfindungen über den Tod des Literaturnobelpreisträgers.

Der hat Julia Kanchana Schlichting seit sieben Jahren unterstützt, wo er konnte. Als eine der wenigen durfte die junge Mutter Günter Grass zu Hause in Behlendorf (rund 20 Kilometer vor Lübeck) besuchen, „zu Interviews oder Gesprächen verabredete er sich sonst normalerweise nur im Günter-Grass-Haus“, erzählt Julia Kanchana Schlichting. Doch was die Literaturwissenschaftlerin schon 2002 spürte, habe sich im Lauf der Jahre gefestigt: „Wir hatten sofort einen Draht zueinander.“

Julia Kanchana Schlichting ist nicht nur fasziniert von seinem Schreibstil und wie politisch Günter Grass ist. „Er hat mir so viel erzählt, was ich noch nicht wusste“, gesteht sie. Für sie war schon während des Studiums klar, dass sie sich dem Menschen Günter Grass wissenschaftlich nähern wollte. 2009 war es dann so weit. Seine Werke „Im Krebsgang“ (2002), „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) und „Die Box“ (2008) nahm sie zur Vorlage. Denn: „In diesen drei Werken hat er die Zweifel besonders thematisiert“, ist sie sicher. Ihr Dissertationsansatz im Seminar für Deutsche Philologie: „Es gibt keine einseitigen Wahrheiten. Man muss den Zweifel hochhalten. Auch den Zweifel an der wahrheitsgetreuen Erinnerung des Vergangenen.“ Der vorläufige Titel: „Poetologie des Zweifels“.

Dabei hatte ihre Arbeit anfangs noch einen anderen Arbeitstitel: „Die Erinnerungstrilogie, angelehnt an Grass’ Danziger Tribologie“, erzählt Julia Kanchana Schlichting. Während Günter Grass’ letzten Reise 2012 nach Danzig, die sie begleitete, erntete Julia Kanchana Schlichting zwar viel Zuspruch für ihren Vortrag zum Thema. „Selbst von den polnischen Vertretern. Die waren allerdings von dem Titel nicht so begeistert. Damals habe ich ihn noch vehement verteidigt, mittlerweile aber geändert.“

An diese letzte, viertägige Grass-Reise mit internationaler Sommerwerkstatt in Danzig, die sie begleiten durfte, erinnert sich Julia Kanchana Schlichting sehr gern. „Ich war gerade im siebten Monat schwanger“. Auch hier gab es Gelegenheit zum Austausch und für persönliche Gespräche mit Günter Grass, sogar einen sehr lustigen Abend zum Abschluss der Reise, „in geselliger Runde mit Tanz in der Altstadt“, erinnert sie sich und lacht. Ebenso besonders sei der Rückflug gewesen. „Da ich hochschwanger war, durfte ich im Flugzeug in der ersten Reihe sitzen. Zehn Minuten vor Abflug kam Günter Grass mit seiner Frau und seinem Sohn, die drei nahmen die freien Plätze neben mir in der ersten Reihe ein.“

Ganz besonders wichtig war ihr aber immer der Zuspruch von Günter Grass: „Er hat für mich Bücher signiert, die ich als Geschenke für die Harvardprofessoren mitgenommen habe. Er hat mir viel über sein Leben erzählt, er hat mich allerdings auch gefragt, wie ich sein Werk finde beziehungsweise welche Gedanken mich ansprechen. Da ich ihn zwei Jahre lang intensiv erforscht hatte, konnte ich manches Mal sogar noch genau sagen, wann er welche Metaphern in einem Interview schon mal benutzt hat. Das hat ihn beeindruckt. Ich fühlte mich in diesen Gesprächen ebenbürtig. Günter Grass war interessiert an dem, was ich denke.“ Zuspruch bekam sie im Übrigen von vielen Seiten zum Thema. An der Uni Göttingen, wo sie studierte, bekam sie ein DFG-Stipendium. „Das ist bundesweit das am höchsten dotierte, es ermöglichte mir unter anderem, zwei Jahre lang ohne finanzielle Sorgen über Günter Grass zu forschen“, erzählt die Literaturwissenschaftlerin. Außerdem beinhaltete das Stipendium ein Auslandssemester.

Als Hundetrainerin wollte Julia Kanchana Schlichting aber nicht ohne ihre beiden Vierbeiner nach England. „So fiel Oxford für mich ins Wasser, es gibt zu viele Auflagen, um Tiere mit nach England nehmen zu können.“ Zwar machte sich Julia Kanchana Schlichting keine großen Hoffnungen, aber sie bewarb sich in den USA an der renommierten Harvard-Universität. „Die haben mich nicht nur genommen, sondern waren vom Thema so begeistert, dass mir weitere Studiengebühren erlassen wurden“, erzählt sie.

Während dieser Erinnerungen wandern ihre Blicke schon wieder auf den Tisch in der Waldschule. Da liegen Ausdrucke von Mails, die ihr die beiden Professoren, die sie auch auf ihrem Dissertationsweg begleiten, zum Tod von Günter Grass gesendet haben. Heinrich Detering (Göttingen) und Judith Ryan (Harvard). „Wie gut, dass ich nicht am 13. April am frühen Morgen meine Mails abgerufen habe. Ich hatte noch vor der Presse die Todesnachricht vom Günter-Grass-Haus zugesendet bekommen. Hätte ich sie da schon gelesen, ich wäre kaum in der Lage gewesen, Unterricht zu geben“, erzählt sie.

Julia Kanchana Schlichting, die „zur Sicherheit“ noch ein Referendariat einschob, seit neun Monaten an der Waldschule Unterricht gibt, in Neuenkirchen wohnt, verheiratet ist und einen dreijährigen Sohn hat, gesteht: „Ich betrachte mich eher als Wissenschaftlerin. Das ist mir wichtig.“ Vorträge zum Dissertationsthema hat sie schon in Belgien, Harvard, Göttingen oder Lübeck gehalten. Durch Familie und Beruf ist die Promotion allerdings ein wenig ins Hintertreffen geraten.

„So traurig es ist, aber sein Tod hat mich wieder näher ans Thema herangerückt. Günter Grass bleibt für mich durch seine Bücher und die Beschäftigung mit ihm lebendig.“ Wie immer in ihrem Leben möchte Julia Kanchana Schlichtung auch ihre Dissertation sehr gut machen. „Also kommt jetzt ein Schnellschuss nicht infrage.“ Denn am Ende soll eines im Fokus stehen: „Günter Grass hat nie das Ziel oder die Deutung vorgegeben. Er stellte provokative Fragen, damit wir selber denken. Er gab uns einen Anstoß. Er war ein Mahner, ein immer lernender Bürger.“

"Die Norddeutsche" vom 21.4.2015 - Artikel als pdf-File