Appellieren und schlichten

VON GABRIELA KELLER
Schwanewede. Kai Zwirnmann fährt täglich mit dem Schulbus zur Waldschule Schwanewede. Oft ist das für den Achtklässler kein Vergnügen. „An der Bushaltestelle wird immer viel gedrängelt. Und im Bus ist es manchmal so laut, dass ich mich nicht in Ruhe mit meinem Freund unterhalten kann“, erzählt der Schüler. Er will das ändern. Mit elf weiteren Schwaneweder Waldschülern hat sich Kai zum Schulbusbegleiter ausbilden lassen.

An der Haltestelle und im Bus sollen die Schüler künftig für ein friedliches Miteinander ihrer Mitschüler sorgen. Rangeleien um Sitzplätze, Schikanierungen, manchmal auch Prügeleien und Beschädigungen – in Schulbussen geht es mitunter ziemlich konfliktgeladen zu. Die Schulbusbegleiter können beschwichtigend eingreifen, Streit schlichten oder Schülern zur Seite stehen, die von anderen schikaniert werden.

„Sie sind aber keine Hilfspolizisten“, betont Franka von Seck vom Zweckverband Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (ZVBN). Der Verband fördert das Projekt in Kooperation mit dem Landkreis Osterholz. In 13 Schulstunden haben die frischgebackenen Schulbusbegleiter gelernt, wie sie konfliktreiche Situationen im Bus entschärfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. „Wir haben in Rollenspielen im Bus geübt, wie wir uns in verschiedenen Situationen verhalten sollen“, erzählt Schülerin Pia Elsner. Zum Beispiel, wenn ein Schüler einen Sitzplatz mit seinen Füßen blockiert. „Wir würden ihn fragen, warum er das macht und ihm auch aufzeigen, was das für Konsequenzen haben könnte. Durch die Sitzverschmutzung würden höhere Reinigungskosten entstehen. Das könnte dazu führen, dass die Fahrpreise steigen. Davon wäre der Schüler selbst auch betroffen.“

Mit Worten schlichten und an die Vernunft von Mitschülern appellieren, darum geht es. Die Busbegleiter können aber auch ganz praktisch helfen, wenn etwa ein älterer Schüler einen jüngeren am Aussteigen hindert. Dann können sie das Opfer an die Hand nehmen und vorne beim Fahrer aussteigen lassen, haben sie in der Ausbildung gelernt.

Als Trainer standen den Waldschülern Hartmut Köhler und Gert Bohlen zur Seite. Beide sind selbst Busfahrer, kennen daher die Probleme, die in Schulbussen immer wieder unter Schülern auftreten. Für ihre Aufgabe als Ausbilder wurden sie extra geschult. „Als Busfahrer müssen wir uns in erster Linie auf den Verkehr konzentrieren. Vieles, was hinter uns im Bus unter den Schülern vor sich geht, bekommen wir nicht mit. Ich bin ich froh, dass es die Schulbusbegleiter gibt. Sie sind unsere Augen und Ohren“, sagt Köhler. Bei der Ausbildung der Schüler wurden er und sein Kollege von zwei Präventionsbeauftragten der Polizei Osterholz unterstützt.

2011 hat der ZVBN das Busbegleiter-Projekt im Verbandsgebiet gestartet. „Inzwischen haben wir 250 Schüler ausgebildet“, sagt Franka von Seck. Die Waldschule Schwanewede ist eine von zwei Schulen, die sich im Landkreis Osterholz bislang an dem Projekt beteiligen. Die ersten 44 Busbegleiter wurden 2013 und 2014 an der Kooperativen Gesamtschule Hambergen ausgebildet.

Die Waldschule wird das Projekt für Schüler aus dem achten Jahrgang laut Schulleiter Torsten Tappert fortsetzen. Mit Lehrerin Maike Dreger, die das Projekt auf Schulseite betreut, überreichte er den ersten Schwaneweder Busbegleitern am Dienstag ihre Zertifikate und ihre Ausweise. Eine Belohnung für ihr freiwilliges Engagement gab es für die Schüler vom ZVBN: Jeder hat einen Monat lang freie Fahrt mit Bussen und Bahnen im Verbundgebiet.

Der ZVBN investiert auch zum eigenen Nutzen in das Projekt. „Die Schüler sind die Fahrgäste von morgen. Uns ist es wichtig, dass sie heute gute Erfahrungen im Schulbus machen, damit sie auch später gerne mit Bus und Bahn fahren“, erklärt von Seck.

Der Artikel vom 3.6.2015 als pdf-file