Monatelanges Seminarfachprojekt fertiggestellt - Ausstellung kommt nach den Sommerferien an die Waldschule... 

Die Norddeutsche: Ausstellung im Schwaneweder Rathaus - Erinnerung an italienischen Kriegsgefangenen

Gabriela Keller 14.07.2015
Den Bunker in Farge sehen sie jetzt mit anderen Augen. Das Betonmonstrum am Deich hat für zwölf Schüler aus Schwanewede und Bremen ein Gesicht bekommen. Es ist das Gesicht von Elio Materassi, der von November 1943 bis Mai 1945 als italienischer Militärinternierter im Schwaneweder Lager Heidkamp von den Nazis zur Arbeit auf der Bunkerbaustelle gezwungen wurde. Sein Leben und seinen Leidensweg haben die Schüler im Rahmen eines deutsch-italienischen Geschichtsprojektes aufgearbeitet. Bei ihrer Spurensuche tauschten sie sich mit Nachfahren des ehemaligen Zwangsarbeiters aus.

Entstanden sind eine Ausstellung und ein Film, die am Beispiel der Geschichte von Elio Materassi das Thema Zwangsarbeit und das von der Geschichtsschreibung noch wenig beleuchtete Schicksal der rund 600.000 italienischen Militärinternierten im Deutschen Reich dokumentieren. Am Projekt beteiligten sich neben zehn Schwaneweder Waldschülern auch zwei Bremer Schülerinnen aus der Wilhelm-Focke-Oberschule in Horn-Lehe und der Oberschule Lerchenstraße in Aumund.

Für das im Dezember 2014 gestartete Projekt opferten die Schüler an 20 Sonntagen ihre Freizeit. Jeweils zu zweit erarbeiteten sie verschiedene Themen. Bei Besichtigungen im Bunker, in der Gedenkstätte „Baracke Wilhelmine“ in Neuenkirchen und in der Gedenkstätte Sandbostel recherchierten sie zum Thema Zwangsarbeit und italienische Kriegsgefangene. Wertvolle Informationen lieferte ihnen Materassis Kriegstagebuch. In Videotelefonaten mit dessen Sohn Orlando sowie den Enkeln Yuri und Nicola erforschte die Gruppe den späteren Lebensweg des ehemaligen Zwangsarbeiters. Am Sonntag lernten die Schüler die Nachfahren persönlich kennen. Mitglieder der Familie Materassi waren zur Präsentation der Projektergebnisse im Rathaus Schwanewede aus Italien angereist, zusammen mit dem stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Pontassieve, Carlo Boni.

Das Kriegstagebuch

Das Schülerprojekt hat eine lange Vorgeschichte. Das Kriegstagebuch von Elio Materassi spielt dabei eine zentrale Rolle. Der Italiener schildert darin von Januar 1942 bis zum 4. Juli 1945 seine Erlebnisse als Soldat, die Gefangennahme durch die Deutschen nach dem Waffenstillstandsabkommen Italiens mit den Alliierten und seine anschließende Odyssee durch deutsche Kriegsgefangenenlager. Die Tagebuch-Einträge enden mit seiner Heimkehr nach Italien.

Nach Elio Materassis Tod 2011 machten sich sein Sohn Orlando sowie die Enkel Yuri und Nicola mit dem Tagebuch im Gepäck auf zur Spurensuche in Deutschland. Ihr Weg führte sie auch nach Neuenkirchen in die Gedenkstätte „Baracke Wilhelmine“. Den ersten Kontakten folgte 2013 eine Fotoausstellung von Yuri Materassi im Rathaus Schwanewede über die Leidensstationen seines Großvaters. Im Oktober 2014 reisten der Schwaneweder Bürgermeister Harald Stehnken und Harald Grote von der „Baracke Wilhelmine“ zu einer Ausstellung und Buchvorstellung über Elio Materassi nach Pontassieve. Dort wurde die Idee zu dem Geschichtsprojekt in Kooperation mit dem „Denkort Bunker Valentin“ in Farge und der „Baracke Wilhelmine“ geboren.

Vom Bunker in Farge hatten die Schüler vorher alle schon mal gehört. Aber kaum etwas über die Leiden der Menschen, die dort arbeiten mussten und über die unmenschlichen Lebensbedingungen im Lager Heidkamp, wie sie Elio Materassi in seinem Tagebuch beschreibt. „Es hat uns sehr betroffen gemacht, dass hier in unserer unmittelbaren Nähe damals solche schrecklichen Dinge geschahen“, erzählt Waldschülerin Melina Renziehausen. Auf Julia Salmen haben die Tagebuch-Notizen als authentisches Dokument eines Zeitzeugen einen starken Eindruck gemacht: „Man kann sehr gut nachempfinden, wie er sich damals gefühlt hat“, meint die Schülerin aus Horn-Lehe.

Erinnerungsarbeit sei wichtig, um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, sagte der italienische Generalkonsul Flavio Rodilosso bei der Projektvorstellung im Rathaus. Mit ihrem Projekt hätten die Schüler dazu beigetragen, die Schatten der Vergangenheit zu überwinden und die Verständigung zu fördern, würdigte der Vertreter der Stadt Pontassieve das Engagement der Schüler. „Euer Projekt ist ein Baustein für eine bessere Zukunft.“ Das Schicksal der italienischen Militärinternierten sei noch lange Zeit nach Kriegsende in Italien wie Deutschland tabu gewesen, erinnerte Orlando Materassi. Mit ihren Recherchen hätten die Schüler zur Aufarbeitung beigetragen, dankten er und sein Sohn Nicola den Schülern. „Als wir uns vor vier Jahren auf die Spurensuche machten, hätten wir nie gedacht, dass aus der Geschichte eines Einzelnen einmal etwas so Großartiges entstehen könnte.“

Ausstellung und Film sollen auf Wanderschaft gehen. Zunächst in die „Baracke Wilhelmine“ und nach den Sommerferien in die Waldschule. Auch Präsentationen in Bremen und Pontassieve sind geplant.