Theater-AG der Waldschule

Beim neuen Stück sind auch Flüchtlinge dabei

Alexander Bösch 12.01.2016

„Die Zeit ist groß, es wird nicht gehetzt! Wir leben am besten im Hier und Jetzt! Nutze den Tag! Alles hat seine Zeit.“ Der Appell, den die rund 40 Schüler der Theater AG am Ende ihrer jüngsten Produktion „Zeiten-Zauber“ an das Publikum richten, hat durchaus Symbolkraft. In zehn Tagen ist Premiere, doch schon jetzt sind bei den Proben in der Bühnenaula nicht nur die jungen Akteure mächtig aufgeregt – und sie stehen unter Zeitdruck.

Die Akteure der Theater AG der Waldschule gehen auf Zeitreise. In dem Stück „Zeiten-Zauber“ sorgen zwei lernfaule Schüler, ein paar durchgeknallte Wissenschaftler und die Familie von Mozart für jede Menge Verwirrung.(Alexander Bösch)

Die Akteure der Theater AG der Waldschule gehen auf Zeitreise. In dem Stück „Zeiten-Zauber“ sorgen zwei lernfaule Schüler, ein paar durchgeknallte Wissenschaftler und die Familie von Mozart für jede Menge Verwirrung.(Alexander Bösch)

Wissenschaftler in weißen Anzügen dozieren verschwörerisch, eine Gruppe in farbenfrohen Kleidern wedelt als Chinesinnen verkleidet mit Fächern, Kinder in Dalmatinerkostümen watscheln neben ihrer Herrin. In all dem Gewusel schwingt Claus König mit gepuderter Perücke im Rokokogewand seinen Taktstock. Der einzige erwachsene Mitspieler schlüpft in die Rolle von Leopold Mozart, Vater des berühmten Musikgenies.

Wer die Requisiten der Haupt- und der Nebenbühne inspiziert, kommt zunächst ins Rätseln. Blinkende Warnsignale, sogenannte Wissensandroiden und grüne Drähte auf der einen Seite, eine klassische Marktszene aus dem 18. Jahrhundert auf der anderen Seite, dazwischen ein Tunnel aus Dämmelementen für Parkettböden.

Auf die thematische Idee einer Zeitreise kam Manfred Schwarz. Der Vater einer in der AG schauspielernden Schülerin unterstützt die Gruppe bereits seit Jahren als Handwerker und Ideenlieferant. Sein mit Elementen aus Science-Fiction und historischem Kostümdrama angereicherter, fantasiereicher Plot wurde bei einem Workshop auf Spiekeroog von Schülerhand zurechtgestutzt.

Zum Inhalt: Auf ihrer Suche nach einer möglichst bequemen Lösung für ihre Hausaufgaben stoßen Hans und Tina auf einen dubiosen Hinweis im Internet. Danach suchen zwei Wissenschaftler ausgerechnet nach zwei faulen Schülern, um eine neue Lernmethode auszuprobieren. Als ihre Klasse in einem Forschungsmuseum eine Ausstellung zum Thema Zeit besucht, bekommen Hans und Tina von zwei tollpatschigen Wissenschaftlern einen Gehirnscanner eingesetzt. Plötzlich befinden sich die Pennäler in einem Zeitstrudel und werden in das Straßburg des Jahres 1769 katapultiert. Lärmende Straßenszenen und eine Begegnung mit Mozart und dessen Familie sorgen für Verwirrung. Nur ein „Zeitenreiniger“ kann jetzt noch helfen, Hans und Tina wieder zu ihren Mitschülern zu beamen.

Mohamad und Salwa Al Hamond helfen beim Fertigen der Requisiten. (Alexander Bösch)

„Als Kind habe ich mit immer ausgemalt, was passieren würde, wenn ich plötzlich in ein anderes Jahrhundert versetzt werden würde. Da wollte ich dann wenigstens den Menschen das Wissen meiner Zeit vermitteln, wie Flugzeuge und Strom funktionieren und dergleichen“, erzählt Manfred Schwarz. Schulwissen kann durchaus nützlich sein, lautet seine Botschaft. Die Idee, fatale Entscheidungen der Vergangenheit mit dem Wissen von heute korrigieren zu können, habe ihn fasziniert. „Einige Sprüche habe ich von meinen Kindern geklaut“, gibt er schmunzelnd preis.

Was die Probenarbeit in diesem Jahr besonders interessant macht, ist die Integration mehrerer Flüchtlingskinder und ihrer Eltern. Für Gänsehaut dürfte das musikalische Intermezzo von Hassan und Dani Al Hamond sorgen. Der 17-jährige Pianist Hassan, sein drei Jahre jüngerer Bruder und ihre Eltern Mohamad und Salwa haben eine wahre Odyssee hinter sich. Die syrische Familie floh zunächst aus der Nähe von Aleppo in die Türkei. Der Elektroingenieur, die Zahnärztin und die beiden hochmusikalischen Kinder lebten eineinhalb Jahre im türkischen Adana. Um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, wagte die Familie schließlich die Flucht nach Deutschland.

Per Smartphone bekam Hassan türkischsprachige Anweisungen, wie das Schlauchboot, auf dem er sich mit anderen Flüchtlingen befand, von einem Waldstück in der Nähe Izmirs auf eine Insel bei Samos gesteuert werden sollte. Während der Überfahrt hatte sein Bruder Dani die heiß geliebte, in Plastik eingewickelte Geige fest an sich gedrückt. Ihr Piano musste die Familie zurücklassen.

Die Al Hamonds wohnten zunächst in der ehemaligen Lützow-Kaserne. Seit November leben sie in einer eigenen Wohnung. Über einen in der Kaserne tätigen Polizisten kam der Kontakt zu Gudrun Chopin zustande. Die Ökumenische Initiative hatte den Herbst über immer wieder Flüchtlinge auf den Marktplatz eingeladen. Gemeinsam besuchte man Cafés und Restaurants, damit die Neuankömmlinge der Anonymität der Kaserne entfliehen können. „An einem Tag stand Dani plötzlich vor mir, in der Hand als Erkennungszeichen die Noten von Chopins ,Nocturne‘. Eine Woche später spielte er auf dem Markplatz Geige. Den Leuten standen die Tränen in den Augen“, erinnert sich Gudrun Chopin. Die Brüder besuchen ab Februar die Waldschule.

Hassan und sein Bruder Dani an der Geige (hier mit Claus König) sorgen für Musik. (Alexander Bösch)

Auch Mohamad und Salwa Al Hamond wirken bei der Entstehung des „Zeiten-Zaubers“ mit, helfen beim Tischlern und Bemalen der Requisiten und unterstützen die Akteure gemeinsam mit Lehrerin Traute Meinersbei den Kostümen. Shqiponje, Xhenata und Achmed, drei Geschwister aus dem Kosovo, sind bereits seit einem Jahr Mitglieder in der Theater AG – obwohl sie anfangs kein Deutsch verstanden. „Das sind alles Beispiele für unglaublichen Integrationswillen“, freut sich Gudrun Chopin.Das Stück „Zeiten-Zauber“ wird am Freitag, 22, Januar, um 19 Uhr und am Sonntag , 24. Januar, um 17 Uhr in der Bühnenaula der Waldschule aufgeführt. In der Pause lockt ein internationales Büfett. Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten. 

 © Die Norddeutsche, 12.1.2016