Statt eines Nachrufes

Tief bestürzt über den Tod von Günter Grass, möchte ich Ihnen und euch einen Auszug aus einem Vortrag bzw. Text von Günter Grass: „Der lernende Lehrer“, der in seinem Band „Für- und Widerworte“ publiziert worden ist, als Zusammenschau präsentieren. Damit möchte ich im Gedenken an unseren Literatur-Nobelpreisträger auch daran erinnern, dass er sich auf diesem Ehrentitel nie ausruhte, sondern immer für die soziale Gerechtigkeit in Deutschland kämpfte. Der streitbare Gesellschaftskritiker ist damit oft angestoßen und hat angestoßen. Als diesen haben wir ihn verloren.

Als Weltliterat wird er uns bleiben.

In dem Nachwort von dem Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Prof. Dr. Heinrich Detering, heißt es: „Wir alle wissen, dass er eine große Freude daran hatte, gezielt zu provozieren. Aber er wollte immer Diskussionen anstoßen, nicht abschließen. Grass sei zuletzt zu sehr politisch wahrgenommen worden und zu wenig als Künstler.“ Ich schließe mich diesem Fazit an und möchte Ihnen und euch in Auszügen einen Günter Grass nahe bringen, der uns alle anzureden versuchte und nun zuletzt zu müde geworden ist.                               

Ihre Julia K. Schlichting

 

Der lernende Lehrer

von Günter Grass (13.05.1999)
(in Auszügen)

Tastend, wie in einem Gelände, dem Fallgruben nachgesagt werden, also mit gehörigem Bammel, wage ich mich in eine Provinz, die gelegentlich mit abschätzigem Nebengeräusch die "pädagogische" genannt wird. Es ist eine Provinz mit offenen, jedenfalls nicht sichtbaren Grenzen, in der sich jedermann glaubt ergehen zu können, um sie alsbald, kaum hat er seine Kritik an unübersichtlicher Wegeführung, fehlenden Warnschildern, zu streng begrenzten Revieren und zu wenigen Rastplätzen abgesondert, sichtlich erschöpft zu verlassen. So werde auch ich immer wieder versucht sein, mich dünnezumachen. Erlauben Sie mir deshalb bitte von Absatz zu Absatz Fluchtgebärden oder zumindest entlastende Ausflüchte, denn der sich hier in Position zu bringen erkühnt, versteht zuwenig von der landesweit betriebenen Curriculum-Forschung, von letzten und vorletzten Strukturplänen und von der Vielstimmigkeit didaktischer Lehre; emsig Angelesenes möchte ich Ihnen nicht zumuten.

Wer von Berufs wegen, das heißt aus Neigung und jeglicher Enttäuschung zum Trotz, die pädagogische Provinz als hier bloß geduldeter, dort anerkannter Gesamtschullehrer besiedelt hat, wird sich vorerst mit meinem Laienbekenntnis begnügen müssen: Ja, ich bin für die Gesamtschule. Seit den sechziger Jahren - damals dem Reformeifer des Berliner Schulsenators Carl-Heinz Evers verbunden - spreche ich mich zu ihren Gunsten aus. Von ihr war das Aufbrechen des starren Fachwissens zu erwarten, zugleich die Abschaffung der Zensuren. Seitdem ist, der Theorie nach, auf richtigem Weg manches mißglückt und auf krummen Nebenwegen viel gelungen. Und ich bin zu der Einsicht gekommen, daß heute, inmitten der neuen sozialen Eiszeit, einzig die Gesamtschule in der Lage sein könnte, die schlimmsten Auswirkungen wiederum spürbarer Klassenunterschiede, nein, nicht zu verhindern, wohl aber zu mildern.

Zuletzt will ich das mir so wichtig gewordene Buch eines im Verhältnis zu mir jüngeren Autors preisen, Sten Nadolnys Roman Die Entdeckung der Langsamkeit. Während der Lektüre wurde mir nach und nach deutlich, wie heilsam diese sich behutsam verzögernde Erzählung als Gegengift zur allgemein vorherrschenden Beschleunigung sein könnte. Nirgendwo anders wird die Zeit so anschaulich gedehnt. Deshalb ließe sich diesem Roman, ohne seiner Kunstfertigkeit Gewalt antun zu müssen, eine auch für die Schule taugliche Anweisung zur "Erlernung der Langsamkeit" ableiten. Von Nadolny angeregt, gehe ich sogar einen Schritt weiter und schlage vor, in allen Schulen einen Kurs zur "Erlernung der Langsamkeit" einzuführen. Von mir aus darf es sogar ein Leistungskurs sein. Langsamkeit wäre eine Gangart, die der Zeit zuwider verliefe. Die bewußte Verzögerung. Das bis zum Stillstand gebremste Tempo. Das Erlernen des Innehaltens, der Muße. Nichts wäre inmitten der gegenwärtigen Informationsflut hilfreicher als eine Hinführung der Schüler und Schülerinnen zur Besinnung ohne lärmende Nebengeräusche, ohne schnelle Bildabfolge, ohne Aktion und hinein ins Abenteuer der Stille, in der einzig Eigengeräusche erlebt werden können. Ich weiß: ein Vorschlag, den zu realisieren zwangsläufig die Zeit fehlen wird. Dennoch bitte ich darum, ihn nicht nur zu belächeln, sondern ihn spielerisch ernst zu nehmen; er hat es in sich. […]

Ich wäre dankbar, wenn das Erlernen der Langsamkeit sogar als nützlich zu begreifen sein könnte. Nützlich den Schülerinnen und Schülern, nützlich gewiß auch den Lehrerinnen und Lehrern. Denn meine Offerte - wenn es denn eine sein kann - setzt den lernenden Lehrer voraus.[…]

Ich weiß, es gibt ihn. Oft zwingt ihn die Not, nicht auf vormals Erlerntem hocken zu bleiben, sondern ständig dazuzulernen, etwa angesichts seiner buntgemischten Schüler einige Lektionen türkischer Geschichte oder was der Koran, im Vergleich mit anderen Religionen, an Unduldsamkeit und Toleranz zu bieten hat. Wie gut täte es, wenn Schüler muslimischen Glaubens aus Lehrers Mund erführen, wie sehr die über Jahrhunderte anhaltende maurische Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel dem christlichen Abendland geholfen hat, aus staubtrockener Scholastik herauszufinden, wie weit arabische und jüdische Gelehrte, etwa auf dem Gebiet der Algebra und Medizin, dem mittelalterlichen Fachwissen voraus und also anstiftend für unseren verspäteten Prozeß der Renaissance gewesen sind. Ist es im Deutschunterricht nicht für alle Schüler, gleich welchen Glaubens, wunderbar zu erfahren, daß der sogenannte pikareske Roman, angefangen bei Don Quijote bis hin zu Grimmelshausens Simplicissimus und seinen späteren Schülern, zu denen ich mich zähle, auf maurisch-arabischen Erzählkünsten fußt? Und bestimmt wissen die Schüler ausländischer, etwa persischer oder nigerianischer Herkunft etwas aus eigener Kultur zu berichten, was der Lehrer nicht weiß und sich unsere eurozentrische Schulweisheit nie hat träumen lassen.

Der lernende Lehrer ist also jemand, der mit und von seinen Schülern lernt. Neugierde ist ihm eigen. Gerne verläßt er feste Standpunkte, die nur noch sich selbst meinen, um neue zu gewinnen, die er abermals verläßt, bevor sie sich verfestigen. Bis ins Alter lernt er dazu, was an Neuem verlockend oder bedrohlich aufkommt, aber auch was hinter ihm liegt und in der Schnelle der Zeit verschüttging.

Einige mögen sich jetzt fragen: Was hat all das mit dem Reformstau im Bildungswesen oder mit der herkömmlich umstrittenen Situation der Gesamtschulen zu tun? Soll dieses Thema den Bedenkenträgern, gar der allgemeinen Flickschusterei überlassen bleiben? Ich bin um Antwort verlegen. Sobald ich danach suchte, verlief ich mich im Wald einander widersprechender Modelle samt Kostenberechnungen. Da ich aber nicht in der Lage bin, eine Bildungsreform zu entwerfen oder gar Geldquellen zu ihren Gunsten springen zu lassen, zudem mein Ruf "Verzichtet auf den teuren Eurofighter, steckt das schöne Geld lieber in die Bildung!" wie manch anderer Ruf verhallt ist, kann sich meine der Gesamtschule geltende Fürsprache eigentlich nur auf Erfahrungen stützen, die ich als Vater einiger Kinder gemacht habe, die sich hier in Berlin auf Gesamtschulen, zum Beispiel in der Fritz-Karsen-Schule, bemühen durften. Sie sind dabei ganz gut gefahren. Früh schon haben sie das Widersprechen gelernt und dennoch keine nachweisbaren Spätschäden erlitten. Sie sind neugierig aufs Zukünftige geblieben, zögern und eilen auf Umwegen vor sich hin und verhalten sich dabei in der Regel sozial. Sie sind frei von jeglichem Elitedünkel, leben kenntnisreich mit ihren Wissenslücken und haben sich mit unterschiedlichem Abschluß ins außerschulische Leben davongemacht. Einer meiner Söhne ist sogar Lehrer an einer Gesamtschule. Nun streitet er mit mir über die Rechtschreibreform; doch das steht auf einem anderen Blatt.[…]

Er [der lernende Lehrer] ist jeder pädagogischen Bemühung vorausgesetzt. Jede noch so dringliche Reform im Bereich der Bildung wird nichtsnutz sein, wenn sie nicht den lernenden Lehrer ermöglicht. Alles den Schülern und Schülerinnen zu vermittelnde Wissen und Unwissen kann nur durch ihn auf den pädagogischen Weg gebracht werden. Und auch der Katalog der so lauthals geforderten Werte, in dem Begriffe wie Eigenverantwortung und Bereitschaft zum Risiko schillern und der sich vorgeblich bemüht, jungen Menschen in gegenwärtiger Zeit den Sinn des Lebens zu deuten, kann nur durch den lernenden Lehrer auf den Prüfstand gestellt und dem vorzüglichsten Instrument der Aufklärung, dem Zweifel, ausgesetzt werden.[…]

Dazu ein Beispiel aus jenem Teil der Welt, die wir, offenbar zur Ersten gehörend, die Dritte nennen. 1986/87 lebten meine Frau und ich für ein halbes Jahr in Indien, genauer gesagt, in Kalkutta, mithin an einem Ort, in dem sich die Probleme des Menschengeschlechts bündeln. Anfangs verschlug es mir die Sprache. Nur langsam kam ich durch skizzierendes Zeichnen, das genaues Hinsehen voraussetzte, wieder zu Wörtern. Ich lernte durch Hinschauen. Die alltägliche Existenznot von Millionen Menschen und deren sogar das Elend überwindende Vitalität stellten mein angelesenes Wissen in Frage. Ständig unterwegs, kam ich auch nach Dhapa, in die tiefgestaffelte Müllregion der Großstadt. In ihr leben Tausende Menschen im Müll, vom Müll. Auch gehören sie innerhalb des Kastensystems gesellschaftlich zum Müll. Und dort, auf einem zur Ruhe gekommenen, mittlerweile planierten Müllberg, hatten eine alte Frau und ihr Mann unter dem Namen Calcutta Social Project eine Schule aufgebaut. Einst war dieses Ehepaar der höchsten, der Brahmanenkaste angehörig gewesen, bis es davon Abstand nahm und in einem seiner Stadtvilla benachbarten Slum eine Schule einrichtete. Und da Frau Karlekar zuvor Lehrer und Lehrerinnen unterrichtet hatte, konnte es ihr gelingen, in dieser städtischen Slumschule Junglehrer heranzubilden, die später in Dhapas Müllschule Unterricht gaben.

Dort hockten unter einem Verandadach und in einem anschließenden Schulraum 60 Kinder im Alter zwischen 6 und 14 Jahren auf Bastmatten und lernten Elementares. Der Eifer der Kinder, ihre so ernste wie verspielte Wißbegierde machten mir deutlich, wie sehr sie der Schule bedurften, welches Glück Schule sein kann, wie wenig selbstverständlich Schule in weiten Teilen der Welt immer noch ist und wie unzureichend wir, in der Ersten Welt lebend, uns unserer privilegierten Lage bewußt sind. Wenn dort Schule Freiheitsräume, und sei es nur einen Spalt breit, öffnet, so erlauben wir uns hier, Schule als Zwang zu empfinden. Doch so muß, so darf es nicht bleiben. Vielleicht hat dieser kurze Ausflug in eine ferne Müllandschaft unsere so eng bemessene pädagogische Provinz ein wenig erweitert. Ich wüßte keinen besseren Ort zu nennen als unsere Gesamtschulen, in die der belebende Geist der Müllschule Dhapa einziehen möge.