Judo stärkt das Selbstbewusstsein

Marion und Marcel Kramber bieten einen Judokurs für Behinderte an / Teilnahme an Special Olympics geplant

Bei Marion Kramber lernen geistig behinderte Kinder spielerisch, wie sie mit ihren Kräften umgehen können: Die Judo-Trainerin hat eine spezielle Ausbildung für Übungseinheiten mit Kindern absolviert, die etwa vom dem Down-Syndrom betroffen sind. Einfühlsam widmet sie sich den jungen Sportlern und plant Großes.

Von Alexander Bösch
Schwanewede. "Was wollen wir spielen? 'Baumstamm' oder 'Eisbär und Robbe'?", fragt Marion Kramber in die Runde. Schnell sind sich die jungen Judoka in der Turnhalle der Dammschule einig. Im Nu schlüpft eine Gruppe in die Rolle der Eisbären und versucht die "Robben" auf der anderen Seite der Matte auf den Rücken zu drehen und somit selbst zu "Eisbären" zu machen. Marion Kramber ist als Judotrainerin eine feste Größe im sportlichen Geschehen von Schwanewede. Ihre neue Gruppe in der Dammschule richtet sich an geistig behinderte Kinder. Das stellt eine echte Herausforderung für die Trainerin dar, die zusammen mit ihrem Sohn Marcel Woche für Woche eine mittlerweile unverzichtbare Stütze für die begeisterten jungen Teilnehmer und deren Eltern geworden ist.

Marcel Kramber (rechts) – hier im „Clinch“ mit Kindern der neuen Judogruppe in der Damm- schule – unterstützt seine Mutter und begibt sich jeden Montag auf die Matte. Der 23-Jährige will demnächst auch eine Lizenz für das G-Judo als Trainer für geistig behinderte Kinder erwerben.

Das sportliche Regelwerk und die Bewegungsabläufe sind gleich, dennoch verläuft die Trainingseinheit im "G-Judo", wie der Kampfsport mit Behinderten genannt wird, etwas anders als gewohnt. Statt theoretischer Anweisungen der Art "den rechten Fuß nach vorne stellen" sei es ratsamer, Bewegungsabläufe "unmittelbar am Körper zu demonstrieren", sagt Kramber. "Man muss viel spezieller auf die Kinder eingehen. Manchmal hat man drei Wochen lang etwas eingeübt und fängt danach wieder bei Null an." Beim Judo gerate eben alles in Bewegung - die Nerven und der spezifische Muskeltonus geistig behinderter Kinder, die ihre oft ungestüme Kraft durch die Kampfsportart sinnvoll dosieren können. "Er hat hier eine sinnvolle Beschäftigung neben der Schule gefunden", erzählt Claudia Bischoff, Mutter des 13-jährigen Tony, der den Sport nicht nur in der Dammschulgruppe, sondern auch in einer von Kramber trainierten Mannschaft mit nicht-behinderten Jungen in der Waldschule ausübt. "Das finde ich gut, damit er merkt, was 'normal' ist und was nicht", lobt Bischoff den Gedanken der Inklusion, mit dem die schulische Integration behinderter und nicht-behinderter Kinder im Klassenverband umschrieben wird. Mittlerweile ist das Selbstbewusstsein des 13-Jährigen derart gestärkt, dass er sogar darauf besteht, allein mit dem Rad zur Schule zu fahren.

Auch die 11-Jährige Lea trainiert nicht nur bei den "Judohexen", Krambers integrativer Mädchenmannschaft, sondern ist seit den Osterferien zudem begeistertes Mitglied der Dammschul-Gruppe. Eine Kombination, von der ihre Mutter Ulrike Mellirowitz überzeugt ist: "In den integrativen Gruppen können sich die behinderten Kinder noch so sehr anstrengen, sie laufen bestenfalls im Mittelfeld mit. Hier haben sie mehr Erfolgserlebnisse, sind außerdem aufgrund der kleineren Teilnehmerzahl nicht so schnell abgelenkt." Nicht nur durch Fahrgemeinschaften, sondern auch durch Wettkämpfe wie die "tollen Tage in Lüneburg" haben die Eltern der behinderten Kinder ein festes Netzwerk gebildet. "Da haben wir mit über 100 Leuten in einer Turnhalle übernachtet, das war eine ganz intensive Atmosphäre", erinnert sich eine Mutter.

"Viele Eltern beklagen sich, dass kein Sportverein ihre behinderten Kinder aufnimmt. Die Vereine empfinden sie oft als Bremse", erzählt Marion Kramber, die dank einer Zertifizierung für G-Judo um die besondere Aufmerksamkeit weiß, die man Kindern mit Down-Syndrom oder ähnlichen Behinderungen zuteil werden lassen muss. Dazu gehört auch mal ein beherztes Knuddeln während der Übungen.

Marcel Kramber hat unterdessen einen Jungen spielerisch in den Schwitzkasten genommen. "Los, streng dich mal an", fordert der 23-Jährige, seinen Kontrahenten heraus. Im Anschluss an die Übungseinheit ist wieder jede Menge Spaß mit dem "Schildkrötenspiel" angesagt.

Im nächsten Jahr haben Marion Kramber und ihre Judoka Großes vor. Dank großzügiger Sponsoren nehmen sie an den Special Olympics in München teil. "Wir organisieren alles in Eigenregie und sind eine Woche vor Ort", erzählt die Trainerin. Der TV Schwanewede genießt als Mitglied der Sportbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung zwar Vorteile, ist dennoch auf Spenden angewiesen. Ein Tankstelle übernimmt die Spritkosten für die Fahrt, ein großzügiger Scheck durch Einnahmen der letzten Altpapiersammlung und den Bücherbasar der Waldschule kamen hinzu. "Das wird eine riesige Sache", freut sich Marion Kramber, die den Wettkampf in München auch in ihrer Funktion als Behindertenbeauftragte des Judoverbands Bremen begleiten wird.

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG Ausgabe: Die Norddeutsche Seite: 5 Datum: 29.11.2011