Grenzen setzen und sie wahrnehmen

Marion Krambers erfolgreiches Konzept ist einmalig im Landkreis

VON ULLA INGENHOVEN

Marion Kramber und einige Teilnehmer der integrativen Judo-Mädchengruppe. Links Tochter Sophie-Marie, rechts Lea und Fiona.


Schwanewede. Ob geistig behindert oder nicht – bei Marion Kramber wird jedes Mädchen auf der Matte gleich behandelt. Jeder ist normal mittendrin, macht ganz normal seine Prüfung. Marion Kramber ist seit 17 Jahren Judotrainerin beim TV Schwanewede. Die mehrfache Landesmeisterin – sie hat früher in der Sportgemeinschaft Aumund-Vegesack auf Landes-, norddeutscher und deutscher Ebene gekämpft – hat ein Projekt ins Leben gerufen, das nach ihren eigenen Worten im Landkreis, in Bremen und umzu einmalig ist.

Dieses Projekt, mit geistig Behinderten Judo zu trainieren, sie hat eine spezielle G-Judo-Ausbildung (g steht für geistig behindert), dient der Gewaltprävention. Ein- gebunden sind die Kindergärten Posener Straße, Worpsweder Straße und nach den Sommerferien der Meyenburger Kindergarten sowie die Meyenburger Schule. Auch mit der Waldschule und der Dammschule arbeitet Marion Kramber erfolgreich zusammen. Vorreiter in diesem Bereich sind Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

„In dieser Sportart läuft alles nach Regeln ab“, sagt Marion Kramber. Der Beginn der Stunde und das Ende der Stunde seien immer gleich. „Das ist ganz wichtig für Kinder, die Förderbedarf haben.“ Die Trainerin vermittelt ihren Kindern die vom Deutschen Judo-Bund erstellten zehn Judowerte, zu denen Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Ernsthaftigkeit, aber auch Bescheidenheit, Selbstbeherrschung und Freundschaft zählen. „Das lernen die Kinder hier und wird umgesetzt. Und weil alle, die bei mir ein Jahr lang auf der Matte sind, das Gleiche lernen, dürfte keine Gewalt mehr entstehen.“ Von Kursen hält Marion Kramber wenig, weil man ihrer Meinung nach nur längerfristig das Erlernte intensivieren könne. Das Projekt, das übrigens von der Gemeinde unterstützt und von Gordon Bosnjak von der Gelateria Bellissima gesponsert wird, werde in der Waldschule gut aufgenommen, erzählt sie. „Durch die ganze Aktion öffnen wir gerade eine Tür: Kinder, die Förderbedarf haben, haben auch Erfolgserlebnisse. Sie lernen Grenzen zu setzen und sie wahrzunehmen. Sie sind selbstbewusster und selbstsicherer.“

Das bestätigt auch Claus Hartmann. Seine Tochter Fiona (12) ist schon seit über zwei Jahren in der integrativen Mädchengruppe dabei. Sie ist Schülerin der Schule am Klosterplatz in Osterholz-Scharmbeck und wird in der Kooperationsklasse der Waldschule unterrichtet. „Sie ist insgesamt körperlich kräftiger und in der Koordination des Gleichgewichts sicherer geworden.“ Letztendlich könnte sie sich wehren und sich in der Schule durchsetzen.

Fiona (links) und Lea freuen sich über ihre Urkunden.

Fiona selbst wie auch der zwölfjährigen Lea Romey macht das Judo unheimlich viel Spaß. „Am liebsten mag ich die Würfe und das Aufwärmtraining - aber eigentlich alles“, sagt Fiona. Und Lea liebt „die Kämpfe, die Marion uns beibringt“. Sie findet es gut, die Leute auf die „Matte zu hauen, wenn sie uns zu nahe kommen“. Das schönste Gefühl für beide jedoch ist, auf einem Siegertreppchen zu stehen. Und das war schon öfter der Fall. Den jüngsten Erfolg heimsten sich beide Mädchen bei den Special Olympics im Juni dieses Jahres in Bremen ein. Sie gewannen eine Goldmedaille. „Das war ein tolles Gefühl für mich“, sagt Lea. Lea und Fiona dürfen sich auch Friesenmeister nennen, weil sie die Ostfriesenmeisterschaft in Moordorf gewonnen haben. „Bei Fiona denkt man, sie bekommt das alles nicht mit“, sagt Marion Kramber. „Aber wenn sie auf der Matte ist, wird ein Schalter umgelegt. Sie macht das richtig klasse. Kinder, die motorische Probleme haben, sind hier super aufgehoben.“ Auch Tochter Sophie-Marie hat die Liebe für den Judosport schon längst entdeckt und macht in der integrativen Mädchengruppe mit. Sie ist es auch, die Lea und Fiona dabei unterstützt, sich auf Prüfungen vorzubereiten.

Wer neugierig geworden ist und sein Kind in der Judogruppe von Marion Kramber anmelden möchte, kann Kontakt zu ihr unter der Telefonnummer 04209 / 4762 aufnehmen.

Lilienthaler, Osterholz-Scharmbecker und Ritterhuder Anzeiger
25.6.2010